Toxische Männlichkeit – Aussteigerprogramm für Einsteiger
Warum es mehr Kritische Männerarbeit braucht
Mit dem Detox Masculinity Institute schafft Christoph May Räume, in denen Männlichkeitsbilder, Machtverhältnisse und Geschlechtergerechtigkeit kritisch diskutiert werden können. Seine Arbeit verbindet die Analyse von Männerbünden und kulturellen Männerfantasien mit der Frage, wie Männer selbst zu Veränderung beitragen können. Denn Gleichberechtigung kann nicht allein von denjenigen vorangebracht werden, die unter Diskriminierung und Gewalt leiden.
Männlich dominierte Gewalt-, Schweige- und Blockadekulturen verhindern alles, was die Welt voranbringen würde: Klimaschutz, Diversität, intersektionaler Feminismus, soziales Engagement und so vieles mehr. Aber wie können wir überhaupt kritisch über Männlichkeit sprechen? Welche Privilegien genießen Männer nur deshalb, weil sie männlich sind? Wieso ist strukturelle Ungleichheit in Politik, Wirtschaft, Kultur und Medien für Männer oft ein blinder Fleck? Und sollten wir statt Frauenquoten nicht besser Männerlimits festlegen, damit sich Männer endlich angesprochen fühlen?
„Wir wollen eine Gesellschaft, in der Menschen unabhängig von ihrem Geschlecht frei sein können. Wir erleben aber im Moment, dass jungen Burschen und Männern gerade über Social Media wieder Männlichkeitsbilder vermittelt werden, die mit Dominanz, Kontrolle und emotionaler Unterdrückung verbunden sind. Diese patriarchalen Männlichkeitsbilder führen zu Gewalt gegen Frauen. Sie schaden aber auch Männern selbst, wenn sie zum Beispiel Nähe und Verletzlichkeit erschweren. Und genau deshalb braucht es auch mehr Kritische Männerarbeit“, so Frauenstadträtin Mag.a Eva Schobesberger.
Was bedeutet toxische Männlichkeit?
Toxische Männlichkeit bedeutet nicht, dass Männer grundsätzlich toxisch oder gewalttätig sind. Der Begriff beschreibt vielmehr schädliche Normen, Verhaltensweisen und gesellschaftliche Strukturen, die mit bestimmten Vorstellungen von Männlichkeit verbunden sind: etwa das Bedürfnis, stets überlegen und unverwundbar zu wirken, Gefühle zu unterdrücken, Kontrolle auszuüben, Schwäche abzuwerten oder Konflikte durch Einschüchterung und Gewalt zu lösen. Solche Normen können Beziehungen belasten, Menschen ausgrenzen und Gewalt begünstigen. Entscheidend ist deshalb, Männlichkeit nicht als unveränderliche Eigenschaft zu behandeln, sondern als etwas, das gesellschaftlich geprägt wird – und sich damit auch verändern lässt.
Männerbünde, Männerfantasien und Kritische Männlichkeit
Wie entsteht toxische Männlichkeit? Welche Rolle spielen Männerbünde und männliche Machtstrukturen? Und wie können Männer selbst zu einer gleichberechtigteren Gesellschaft beitragen? Mit diesen Fragen beschäftigt sich das Detox Masculinity Institute, dem Institut für Kritische Männerforschung. In Vorträgen, Workshops und öffentlichen Gesprächen setzt sich Christoph May mit tradierten Männlichkeitsbildern, männlichen Privilegien und den gesellschaftlichen Strukturen auseinander, die Sexismus, Ungleichheit und Gewalt begünstigen.
Männerbünde: Wenn Männer unter sich bleiben
Männerbünde sind mehr als geschlossene Freundeskreise. Sie stehen für männlich dominierte Strukturen und Netzwerke in Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Kultur und Medien. Wo Männer unter sich bleiben, ihre Positionen und Privilegien gegenseitig absichern und andere Perspektiven kaum berücksichtigen, entstehen Machtverhältnisse, die Ungleichheit stabilisieren. Häufig bleiben diese Strukturen unsichtbar – gerade, weil sie für diejenigen, die von ihnen profitieren, selbstverständlich erscheinen.
Der Blick muss deshalb auf die Frage gelenkt werden, wer Zugang zu Macht, Anerkennung und Ressourcen erhält und wer ausgeschlossen wird. Kritische Männerforschung macht sichtbar, wie männliche Dominanz reproduziert wird und warum Gleichberechtigung nicht allein Aufgabe von Frauen und queeren Menschen sein kann.
Männerfantasien: Welche Bilder von Männlichkeit prägen uns?
Auch Filme, Serien, Musik, Werbung und soziale Medien vermitteln Vorstellungen davon, was als männlich gilt. Stärke, Kontrolle, sexuelle Eroberung, Konkurrenz und emotionale Unnahbarkeit werden dabei häufig als erstrebenswert inszeniert. Frauen und queere Menschen erscheinen in solchen Erzählungen nicht selten als Nebenfiguren, Projektionsflächen oder Objekte männlicher Wünsche.
Die Auseinandersetzung mit diesen Männerfantasien fragt danach, welche Bilder wir verinnerlichen, welche Rollen wir dadurch für selbstverständlich halten und wie kulturelle Erzählungen unser Verhalten und unsere Beziehungen beeinflussen. Wer Männlichkeit kritisch betrachten will, muss deshalb auch die eigenen Mediengewohnheiten und Vorbilder hinterfragen.
Für welche Männer- und Körperbilder begeistern sich Männer am meisten? Was erzählen uns Männergeschichten in Filmen, Literatur oder Gaming über die Wirklichkeit? Und welchen Impact hat mein Medienkonsum auf meine Rolle als Mann?
Kritische Männlichkeit
Wer Männer für Veränderungen gewinnen will, muss ihnen die Möglichkeit geben, eigene Prägungen und Gewohnheiten zu erkennen – ohne dabei die bestehenden Machtverhältnisse aus dem Blick zu verlieren.
Kritische Männerarbeit setzt deshalb bei konkreten Erfahrungen an: bei Freundschaften und Partnerschaften, bei der Aufteilung unbezahlter Sorgearbeit, bei beruflichen Netzwerken, beim Umgang mit Kritik und bei den Bildern, die Männer von sich selbst und anderen haben. Sie lädt dazu ein, Fragen zu stellen: Bin ich wirklich ein guter Partner, Vater und Freund? Wie männlich sind meine Musik, meine Filme, mein Social Media? Wie männlich mein Job, meine Beziehungen, mein Sex? Und ist mein Blick auf die Welt tatsächlich so frei und grenzenlos, wie ich glaube?
Gleichberechtigung wird so nicht zu einem abstrakten politischen Schlagwort, sondern zu einer praktischen Aufgabe. Männer können Verantwortung übernehmen, indem sie widersprechen, Care-Arbeit fair teilen, Macht und Privilegien reflektieren, Frauen und queere Menschen unterstützen und Veränderungen auch in den eigenen Institutionen und Netzwerken vorantreiben.
Dabei geht es nicht darum, Männer pauschal zu verurteilen oder ihnen eine fertige neue Identität vorzuschreiben. Es geht darum, Verantwortung nicht mit Schuldabwehr zu verwechseln: Die Möglichkeit, etwas zu verändern, beginnt dort, wo Männer bereit sind, zuzuhören, Kritik auszuhalten und das eigene Verhalten zu hinterfragen.
Gewalt gegen Frauen ist eine Angelegenheit von Männern
Ein zentraler Teil dieser Auseinandersetzung ist die Frage nach männlicher Gewalt und dem Schweigen, das sie häufig umgibt. Gewalt gegen Frauen und queere Menschen darf nicht als Problem dargestellt werden, das allein Betroffene bewältigen oder öffentlich anprangern müssen. Männer sind gefordert, sich mit den Verhältnissen auseinanderzusetzen, in denen Gewalt, Sexismus und Abwertung geduldet, verharmlost oder entschuldigt werden.
Das bedeutet, nicht erst dann zu reagieren, wenn Gewalt offen sichtbar wird. Es bedeutet auch, sexistische Witze und abwertende Kommentare nicht unwidersprochen stehen zu lassen, Grenzverletzungen ernst zu nehmen und sich mit den Einstellungen und Verhaltensweisen im eigenen Freundeskreis, am Arbeitsplatz und in der Familie auseinanderzusetzen. Wer schweigt, um die Harmonie in einer Männergruppe nicht zu gefährden, kann dazu beitragen, bestehende Verhältnisse aufrechtzuerhalten.
Männer müssen dazu sichtbar gegen Gewalt Position beziehen, Betroffene unterstützen und sich mit männlichen Privilegien und struktureller Gewalt auseinandersetzen. Die Verantwortung liegt damit nicht allein bei einzelnen Tätern, sondern auch bei einem gesellschaftlichen Umfeld, das problematische Verhaltensweisen ermöglicht, deckt oder nicht konsequent hinterfragt.
Textquelle: Stadt Linz